ECHO

 

ANDERS ANDERS

Bereits der Titel impliziert die grossen Fragen dieses Films. Was verbindet uns? Was gehört zu uns? Was unterscheidet uns von anderen?

Wer nun aber einen gesellschaftskritischen Dokumentarfilm erwartet, der sich mit dem Problem der Stereotypisierung befasst, irrt sich, denn Regisseurin Hao Hohl kratzt wie immer nicht bloss an der Oberfläche, sondern sie will die Fassade durchdringen und uns das offenbaren, was oft verborgen bleibt.

Im Zentrum der Handlung stehen sieben Protagonisten (meistens mit einem Migrationshintergrund). Auf den ersten Blick scheinen sie unauffällig, angepasst und ohne erkennbare Gemeinsamkeiten. Doch sie verbindet alle ein Gefühl der inneren Rastlosigkeit. Ein Gefühl, das den unbeteiligten Zuschauer von Beginn an hineinzieht, denn es geht um das Elementare im Leben: die Herkunft, die Familie – um das, was uns ausmacht und was wir nicht ändern können, weil es Teil von uns ist. Für die Protagonist*innen offenbaren sich diese Konflikte allerdings als tiefgründige Auseinandersetzungen mit der eigenen Identität und Muttersprache, denn alle von ihnen kennen das Gefühl, anders zu sein, oder sich nicht nur an einem Ort zugehörig zu fühlen: Der Schweizer Schriftsteller Pedro Lenz erzählt aus seiner Kindheit, welche von mehreren Sprachen und Kulturen geprägt war; der Schweizer Komponist Charles Uzor führt uns in die erinnerte Heimat seiner Kindheit, Nigeria; Toni und Theres leben in Nidwalden und tragen ihre Wurzeln im Wallis und in Luzern stets mit sich; Kendra Alder, aus einer traditionellen Urnäscher-Musikerfamilie stammend, schildert, wie schwierig es sein kann, ein solches Erbe anzutreten, sowohl als Frau als auch für jemanden, der nicht so ganz ins Bild passen will und an den Traditionen aneckt; Veronika Matjaschenko floh mit ihrer Familie aus der Ukraine und versucht nun buchstäblich ein neues Leben zu gestalten durch ihre Schnitz- und Steinmetzkunst, die viel mit ihrem eigenen Schicksal verbindet; dann wäre da noch ein ehemaliger Appenzeller Landammann namens Roland Inauen, der über die Sprachbarriere zwischen Ausser- und Innerrhoden, sowie über Familie und Tradition reflektiert; und zu guter Letzt bildet Hao mit ihrer eigenen Herkunftsgeschichte den roten Faden.

In den einzelnen Gesprächen kristallisiert sich die grosse Qualität dieses Films heraus, denn alles läuft auf Augenhöhe ab und ist immer ganz nahe im Leben verortet. Und genau diese Unmittelbarkeit und scheinbare Alltäglichkeit macht diesen Film hochgradig zugänglich, denn die Konflikte werden nicht zu politischen oder sozialkritischen Brennpunkten hochstilisiert, sondern erwecken in jedem Zuschauer und jeder Zuschauerin das schlichte und menschliche Ur-Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Wir tragen alle die Sehnsucht nach unserer Heimat und Herkunft in uns und wir sind alle am verletzlichsten, wenn wir fühlen, dass wir anders sind; anders sprechen oder anders denken.

Nach PLÖTZLICH HEIMWEH taucht Hao Hohl in ANDERS ANDERS erneut in das ein, was sie am meisten beschäftigt: Die Suche nach dem eigenen Platz im Leben, in der Gesellschaft und in der Familie. Diesmal allerdings steht der Schweizer Dialekt bzw. die eigene Muttersprache im Zentrum der Erzählung und steht gewissermassen sinnbildlich für das Thema der Identität und Zugehörigkeit.

Zu Beginn gibt es eine Szene, in der wir Hao bei einer Sprachtherapeutin beobachten. Der Versuch, das Kinderlied «Bruder Jakob» nachzusingen ist einerseits unterhaltsam und zeigt den leisen Humor, der sich durch den gesamten Film zieht, und anderseits erfahren wir bereits hier, wie stark das Thema der Anpassung an den Sprachgebrauch bzw. an die Landessprache geknüpft sein kann. Doch Hao geht es nicht um eine Kritik an sich. Ihre Protagonist*innen beklagen sich nicht und sie sehen sich auch nicht als Ausgestossene, oder in einer Opferrolle, denn sie haben ihren Platz in der Gesellschaft gefunden, selbst dann, wenn sie erst vor kurzem in die Schweiz geflüchtet sind. Vielmehr wird mit der Sprache ein Leitmotiv des Films geschaffen: Die Sprache steht für das, was uns immer wieder mit unserer Herkunft in Kollision bringt – für das, was uns vermeintlich verbindet und uns von anderen unterscheidet. Und genau hier hakt der Film gewissermassen ein und zeigt uns, dass Sprache nicht nur ein reines Kommunikationsmittel ist und Menschen innerhalb einer Nation bindet, sondern auch mit ganz persönlichen Erinnerungen verwoben ist. Die Muttersprache ist Teil der eigenen Biographie – unabhängig davon, welche Relevanz sie gegenwärtig noch besitzen mag. Wir leben alle in einer Gemeinschaft zusammen, teilen bestimmte Bräuche und halten uns an Regeln, doch unsere persönliche Geschichte tragen wir alle mit uns – jeden Tag.

Herkunft und Muttersprache werden also nicht zum Anlass genommen, um eine politische Aussage zu machen, sondern dienen der Reflexion des Lebens an sich und machen diesen Film zu einem eindringlichen, aufwühlenden und vor allem sehr authentischen Erlebnis.

So steht dann auch das Ende des Films ganz im Zeichen dieser Diskrepanz. Die Protagonist*innen kehren in ihren gewöhnlichen Alltag zurück, nachdem sie dem Zuschauer für einen kurzen Moment Einblick in ihr schicksalhaftes Leben gewährt hatten. Ein Leben voller Leidenschaft und Melancholie, voller Tatendrang und Herzlichkeit und voller Hoffnung.

Dass uns trotzdem alle am Ende etwas verbindet, egal welche Muttersprache wir besitzen oder woran wir glauben, zeigt uns Hao mit einer Szene bei der Landsgemeinde in Appenzell: Der amtierende Landammann wird verabschiedet und ein Nachfolger tritt nun sein Erbe an. Die Landsgemeinde geniesst den Ruf des Urdemokratischen, eines traditionellen politischen Systems, welches die ansässigen Menschen direkt miteinbezieht – eine Tradition, welche die Menschen bindet und eint. Und doch, sind es alles Individuen, die ihre ganz eigene Geschichte erzählen. Es sind Lebensgeschichten, die wir niemals erfahren werden. Dank «ANDERS ANDERS» blicken wir jedoch in ein paar solcher menschlicher Mikrokosmen und erkennen, dass die Sprache mehr ist als etwas, was bindet, – denn es ist das, was uns erst zu menschlichen Wesen macht.

(Rezension von P. Hirzel)


DIFFERENTLY DIFFERENT

Even the title hints at the film’s essential questions: What connects us? What belongs to us? What sets us apart?

Those expecting a socially critical documentary about stereotyping will be surprised. Director Hao Hohl doesn’t linger on the surface – she seeks to look behind the façade and reveal what often remains hidden.

At the heart of the film are seven protagonists, most with a migration background. At first glance, they seem ordinary, adapted, with little in common. Yet they share a quiet restlessness – a feeling that immediately draws us in, touching on what is most elemental in life: origin, family, identity – what defines us and cannot be changed because it is part of who we are.

For each of them, this inner conflict becomes a profound dialogue with their own identity and mother tongue. The Swiss writer Pedro Lenz recalls a childhood shaped by multiple languages and cultures; composer Charles Uzorevokes the remembered homeland of his youth in Nigeria; Toni and Theres, from Nidwalden, carry their roots from Valais and Lucerne; Kendra Alder, from a traditional Appenzell musician family, shares how difficult it can be to inherit such a legacy – especially as a woman, and as someone who doesn’t always fit the mold; Veronika Matjaschenko, who fled Ukraine with her family, now literally carves out a new life through her wood and stone sculptures; and Roland Inauen, a former Appenzell Landammann, reflects on language barriers, family, and tradition. Finally, Hao herself weaves these stories together through her own origins.

The film’s strength lies in its intimacy and authenticity. Every encounter unfolds on equal ground, close to life itself. Hao avoids turning personal struggles into political or social statements; instead, she evokes a deeply human longing for belonging. We all carry within us the nostalgia for home, and we are most vulnerable when we feel different – when we speak or think in another language.

After Sudden Homesickness, Hao Hohl once again explores what drives her most: the search for one’s place in life, society, and family. This time, the Swiss dialect – the mother tongue – takes center stage, becoming a metaphor for identity and belonging.

In one scene, Hao meets with a speech therapist, trying to sing Frère Jacques. The moment is humorous yet revealing: language is tied to adaptation, to the effort of fitting in. But Hao’s intent is not critical. Her protagonists do not complain, nor do they see themselves as victims. They have found their place in society, even if that place is newly formed. Language becomes a guiding motif – symbolizing both connection and collision with one’s origins.

Through this lens, DIFFERENTLY DIFFERENT reminds us that language is more than a means of communication; it carries memory and personal history. Our mother tongue remains part of us, no matter how far we’ve traveled from it.

In the end, Hao does not seek political commentary, but reflection – an intimate, moving, and deeply human experience.

The film concludes on this note of contrast: the protagonists return to their everyday lives after briefly revealing their worlds to us – lives filled with passion, melancholy, and hope.

In a final scene at the Landsgemeinde in Appenzell, the outgoing Landammann is succeeded by another. This centuries-old democratic ritual, which binds a community through shared tradition, reminds us that behind every collective there are individuals, each with their own untold story.

Through DIFFERENTLY DIFFERENT, Hao Hohl lets us glimpse a few of these small human universes – and shows that language is not only what connects us, but what makes us truly human.


AUTREMENT AUTRE

Dès son titre, le film évoque les grandes questions qu’il explore : Qu’est-ce qui nous relie ? Qu’est-ce qui nous appartient ? Qu’est-ce qui nous distingue ?

Ceux qui s’attendent à un documentaire socialement critique sur les stéréotypes se trompent. La réalisatrice Hao Hohlne reste pas à la surface ; elle cherche à percer les apparences pour révéler ce qui, souvent, demeure caché.

Au cœur du film se trouvent sept protagonistes, pour la plupart issus de la migration. À première vue, ils semblent discrets, intégrés, sans liens apparents. Pourtant, tous partagent un sentiment d’intranquillité intérieure – une quête universelle qui touche à l’essentiel : l’origine, la famille, l’identité, ce qui nous façonne et ne peut être changé.

Chez chacun d’eux, cette tension devient une réflexion intime sur la langue maternelle et l’appartenance. L’écrivain suisse Pedro Lenz évoque une enfance marquée par plusieurs langues et cultures ; le compositeur Charles Uzor ravive la mémoire de son Nigeria natal ; Toni et Theres, de Nidwald, portent en eux leurs racines valaisannes et lucernoises ; Kendra Alder, issue d’une famille de musiciens appenzelloise, raconte la difficulté d’assumer un tel héritage – en tant que femme et en tant qu’artiste libre ; Veronika Matjaschenko, réfugiée d’Ukraine, sculpte littéralement une nouvelle vie ; et Roland Inauen, ancien Landamman appenzellois, médite sur la langue, la famille et la tradition. Enfin, Hao relie ces histoires à travers sa propre origine.

La force du film réside dans sa proximité et son humanité. Les échanges se font d’égal à égal, dans une sincérité désarmante. Hao évite toute surenchère politique ou sociale ; elle fait surgir une émotion simple et profonde : le besoin d’appartenir. Nous portons tous en nous la nostalgie du lieu d’où nous venons et la vulnérabilité d’être perçus comme différents.

Après Soudain le mal du pays, Hao Hohl poursuit sa recherche du lieu où l’on se sent chez soi – dans la société, la famille, et en soi-même. Cette fois, c’est le dialecte suisse, la langue maternelle, qui devient la métaphore centrale de l’identité et de l’appartenance.

Dans une scène marquante, Hao rencontre une orthophoniste et tente de chanter Frère Jacques. Ce moment, à la fois drôle et touchant, révèle combien la langue est liée à l’adaptation, au désir de trouver sa place. Mais son propos n’est pas critique : ses protagonistes ne se plaignent pas et ne se posent pas en victimes ; ils ont trouvé, chacun à leur manière, une place dans la société. La langue devient ici un fil conducteur – symbole de ce qui nous relie et parfois nous sépare.

Autrement Autre nous rappelle que la langue n’est pas seulement un moyen de communication, mais aussi un réceptacle de mémoire et d’histoire personnelle. Elle demeure une part indélébile de nous-mêmes.

Le film se clôt sur une note de douceur et de contraste : les protagonistes reprennent le cours de leur vie après nous avoir laissé entrevoir la leur – des vies pleines de passion, de mélancolie et d’espoir.

Dans la dernière scène, lors de la Landsgemeinde d’Appenzell, un Landamman cède sa place à un autre. Ce rituel démocratique ancestral, symbole d’unité, nous rappelle que derrière chaque communauté se cachent des individus, chacun porteur de son propre récit.

À travers Autrement Autre, Hao Hohl nous ouvre une fenêtre sur ces microcosmes humains et nous montre que la langue n’est pas seulement ce qui nous relie – c’est ce qui nous rend profondément humains.